^Anastasia Dulgier

Wenn Standortentscheidungen einen selbst betreffen sind sie vor allem eins: emotional. London war lange Zeit die europäische Stadt mit der stärksten internationalen Anziehungskraft. Mittlerweile hat Berlin gleichgezogen – unser CEO & Co-Founder Chris Bartz über die Ursachen und warum wir daraus mehr machen sollten.

[Dieser Artikel erschien zuerst als Gastbeitrag auf Finanz-Szene.de.]

„Everyone keeps telling me: If you leave London, your only other option in Europe is Berlin“ – diese Meinung meiner australischen Kollegin scheint repräsentativ für all jene, die sich einst für London entschieden haben und jetzt nach einer Alternative in Europa suchen. Daher wundert mich, dass im Zusammenhang mit den sogenannten Brexit-Bankern hierzulande nicht mehr über Berlin gesprochen wird. Mein klares Plädoyer lautet: Lasst uns im Wettbewerb mit Paris, Amsterdam, Madrid & Co stärker auf Berlin setzen – die Stadt, in der zwar aktuell kein DAX-Unternehmen sitzt, aber jeder Vorstand tagen möchte.

Wenn sich die Banken der City in diesen Tagen über neue Standorte Gedanken machen, dann stehen im Zentrum dieser Entscheidungsfindung die Mitarbeiter, sowohl aktuelle als auch zukünftige. Denn es geht nicht um eine rein rationale Entscheidung für eine Backoffice-Einheit, sondern um die Entscheider selbst. Wo verbringt man seine persönliche Zeit, wie gefällt es dem Partner bzw. der Partnerin, was sagt der Freundeskreis? Da wird es schnell emotional. Wer die Banken überzeugen möchte, muss die Entscheider und Leistungsträger für sich gewinnen. Wie sehen sie also aus, die Mitarbeiter jener Finanzunternehmen, die auch zukünftig auf dem europäischen Festland vertreten sein möchten? Welche Sprachen sprechen sie, was qualifiziert sie und noch wichtiger: Wie und wo möchten sie leben?

Daher mein klares Plädoyer, im Post-Brexit-Wettbewerb mit Paris & Co stärker auf Berlin zu setzen – die Stadt in der zwar aktuell kein DAX-Unternehmen sitzt, aber jeder Vorstand tagen möchte.

Chris Bartz, CEO & Co-Founder Elinvar

Das Bild der klassischen Bankangestellten hat sich längst gewandelt. „We are a technology company“, Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, bringt es auf den Punkt. Inzwischen beschäftigt Goldman nach eigenen Angaben mehr Entwickler und Ingenieure als Banker und Trader – und auch letztere müssen selbstverständlich tech-affin sein. Damit buhlt die Branche nicht nur untereinander um die besten Talente, sondern steht in Konkurrenz zu führenden Tech-Firmen wie Apple, Google oder Amazon und zu den vielen attraktiven neuen Playern im stark wachsenden Startup-Bereich.

Der intellektuelle Banking-Nukleus kommt nicht mehr hauptsächlich aus der konservativen Finanzszene, sondern hat in San Francisco, Singapur, Tel Aviv, New York oder eben London gelebt und schätzt die Inspiration internationaler Metropolen. Diese Mitarbeiter sind Kreative oder Data Scientists, haben Informatik oder auch Psychologie studiert, in Technologie-Unternehmen gearbeitet oder ein Fintech mit aufgebaut. Um sie zu gewinnen und zu halten, bedarf es der passenden Unternehmenskultur: „It’s not that gays and diversity equal high technology. But if your culture is not such that it can accept difference, and uniqueness and oddity and eccentricity, you will not get high tech industry”, sagt Richard Florida, ein US-amerikanischer Ökonom. Und das gilt nicht nur für die interne Unternehmenskultur, sondern auch für ihre Umgebung. Die Top-Talente des modernen Bankings sind Global Citizens, die in einer weltoffenen, pulsierenden Gesellschaft leben und arbeiten wollen.

Die Top-Talente des modernen Bankings sind Global Citizens, die in einer weltoffenen, pulsierenden Gesellschaft leben und arbeiten wollen.

Chris Bartz, CEO & Co-Founder Elinvar

Welche europäische Stadt kann den englischsprachigen Mitarbeitern bieten, was sie an der acht Millionen Einwohner Metropole London lieben? Wie bindet man die bereits gewonnen Top-Talente des Bankings und die Wunschmitarbeiter von morgen an sich, wenn man London verlässt? Was überzeugt sie, sich auf ein neues Umfeld einzulassen?

Die Antwort kann ich auch aus persönlicher Sicht nachvollziehen: Laut Zahlen von Gründerszene können sich 71% der EntscheiderInnen und Multiplikatoren weltweit vorstellen in Berlin zu leben und zu arbeiten. Im Berliner Start-up Bereich sind dem Deutschen Startup Monitor von KPMG zufolge bereits heute rund 50% der Angestellten aus dem Ausland.

71% der Entscheider und Multiplikatoren weltweit können sich vorstellen in Berlin zu leben und zu arbeiten.

Chris Bartz, CEO & Co-Founder Elinvar

Dass immer mehr Investitionen in Berlin getätigt werden und die Stadt seit Jahren junge, internationale Talente anzieht – das ist längst nicht mehr nur ein Trend sondern eine nachhaltige Entwicklung. Berlin ist sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer „the place to be“. Zwar hat in Berlin zurzeit kein DAX-Konzern seinen alleinigen Hauptsitz, aber die Anzahl der Vorstandssitzungen in den Repräsentanzen der Hauptstadt spricht für sich. Dass nationale wie internationale Konzerne zudem ihre Innovation Hubs hier ansiedeln zeigt: Berlin ist der Digitalstandort Deutschlands und Europas. In Berlin werden so viele Digitalunternehmen gegründet wie in München und Hamburg zusammen. Übrigens auch und gerade im Finanzbereich. So haben die Berliner Finanz-Startups laut der Fintech-Studie der Comdirect in den vergangenen Jahren mehr VC-Kapital eingesammelt als die Finanz-Startups an sämtlichen anderen deutschen Standorten zusammen.

21 Michelin-Restaurants, 2.500 Parkanlagen, 97 Theaterstätten und die bekanntesten Clubs der Welt – an der “Sexyness“ der Stadt zweifelt schon lange niemand mehr. Und wer sich dann doch mal nach London sehnt: Man darf über Berliner Flughäfen schimpfen wie man möchte, aber immerhin bieten sie täglich mehr als 20 Direktverbindungen nach London. Das ist bereits jetzt vermutlich die am häufigsten frequentierte Strecke von Berlin ins Ausland.