^Alexis Fauvet

Wenn es um UI und UX geht, gilt: „Weniger ist mehr“ – davon ist unsere Senior Product Managerin Mara Dumitru, die sich auf benutzerzentriertes Design spezialisiert hat, überzeugt. Im Interview beschreibt sie uns, warum das besonders auf die digitale Vermögensverwaltung zutrifft und wie dieser Ansatz bei Elinvar gelebt wird.

 

Elinvar: Es gibt unzählige Definitionen von UI und UX; aber damit wir alle auf einem Kenntnisstand sind: Wie würdest du denn die beiden Konzepte erklären? Und was sind die Unterschiede?

Mara Dumitru: UX steht für User Experience, also die Nutzererfahrung, und beschreibt damit die Funktionalität eines jeden Produktes, ob physisch oder digital. Mit UX möchte man immer ein Problem lösen. UI hingegen steht für User Interface, betrifft also das Design eines Produktes und alles, was die Nutzer*innen sehen können.

Um es noch konkreter zu machen: UX beginnt in einem sehr frühen Stadium der Produktentwicklung. Man versucht alles über das Nutzer*innenverhalten herauszufinden und darüber, wie Menschen mit dem Produkt interagieren. Dazu werden Benutzer*innenabläufe visualisiert und mit Wireframes und Prototypen nachgestellt, idealerweise schon bevor über das eigentliche Produktdesign entschieden wird.

Diese beiden Prozesse voneinander zu trennen ermöglicht es jedoch, sich auf eine bestimmte UX festzulegen, bevor die Entscheidung hinsichtlich UI gefällt wird. Dies ist sehr hilfreich, weil man sich in der Produktentwicklung sonst viel zu schnell in ästhetischen Fragen verlieren kann, bevor die eigentlichen Nutzerabläufe und Wireframes festgelegt sind.

Sebastian Böttner, CTO & Co-Founder

Das soll aber nicht heißen, dass UX wichtiger wäre als UI – ganz im Gegenteil. Beide spielen eine essenzielle Rolle für den Erfolg eines Produktes. Diese beiden Prozesse voneinander zu trennen ermöglicht es jedoch, sich auf eine bestimmte UX festzulegen, bevor die Entscheidung hinsichtlich UI gefällt wird. Dies ist sehr hilfreich, weil man sich in der Produktentwicklung sonst viel zu schnell in ästhetischen Fragen verlieren kann, bevor die eigentlichen Nutzerabläufe und Wireframes festgelegt sind.

 

Services und ihre Apps – ich denke da an Netflix, Spotify und Instagram – stehen nicht nur im Wettbewerb mit ihresgleichen, wie zum Beispiel Netflix vs. Amazon Prime, sondern auch auf einer allgemeineren Ebene: Jede App und jeder Service auf meinem Smartphone wirbt um meine Aufmerksamkeit und Zeit. Inwiefern trifft dies auch auf digitale Vermögensverwaltung zu und wie reagiert UI/UX auf diese Entwicklung?

Der Erfolg eines Produktes oder Services wird nicht zwangsweise durch die Länge der Nutzungsdauer definiert. Manche Produkte können ihren wahren Wert gerade durch kurze, aber regelmäßige Nutzungsintervalle schaffen, in denen einfach zu verstehende und gleichzeitig relevante Informationen auf ansprechende Weise vermittelt werden.

Ein Beispiel in der digitalen Vermögensverwaltung ist in meinen Augen, dass die Nutzer*innen unserer Plattform hauptsächlich ein Gefühl von Sicherheit und Bestätigung suchen, wenn sie sich fragen, wie sich der Wert ihres Portfolios entwickelt. Unsere Plattform, beziehungsweise in diesem Fall das Nutzerportal, löst dies indem es die Antwort auf Fragen liefert und aussagekräftige Insights ohne Informationsüberflutung bietet, sobald die Nutzer*innen diese anfragen.

Letztendlich empfehlen Nutzer*innen ein Produkt, welches ihnen einen wahren Mehrwert bietet – alles, was ohne großen Aufwand Informationen und Sicherheit auf Nachfrage vermittelt, ermöglicht mehr sorgenfreie Zeit – und jeder weiß, dass Zeit für alle wichtig ist.

 

Gibt es etwas Bestimmtes, was in der Vermögensverwaltung einzigartig in Bezug auf UI/UX ist?

In der „Offline-Welt“ der Vermögensverwaltung müssen potenzielle Nutzer*innen beachtliche Mengen an Dokumenten und persönliche Treffen auf sich nehmen, um ein Konto zu eröffnen. Sobald das Konto eröffnet ist, erwartet sie wieder ein großer Stapel an Informationen – alles auf Papier.

Heute, im digitalen Zeitalter, haben wir die Chance, nicht nur das Onboarding von Investor*innen schneller und komplett online durchzuführen, sondern auch den potenziellen Kreis von Nutzer*innen auf jene auszuweiten, die offline nicht bereit dazu waren. Indem die wichtigsten Informationen zuerst und zusätzliche Informationen erst auf Anfrage (Information on demand) angezeigt werden, profitierten alle Nutzer*innen auf individuelle Weise: Investor*innen mit relativ begrenztem Finanzwissen können entweder schnell den Status ihres Portfolios verstehen oder nach und nach weiter in detailliertere Informationen eintauchen, sobald sie diese anfordern. Investor*innen mit relativ hohem Finanzwissen hingegen profitieren entweder von einer schnellen, aber anspruchsvolleren Übersicht oder haben die Möglichkeit, direkt tief in Detailinformationen eintauchen, wann auch immer es ihnen passt. Letztendlich kann die langfristige Bindung von Nutzer*innen durch das Anbieten von individualisierten und interaktiven Tools zur Datenvisualisierung in der gesamten „User Journey“, erhöht werden.

 

Elinvar ist ein B2B2C Unternehmen: Wir entwickeln ein Produkt für Unternehmen, welches daraufhin von deren Kunden genutzt wird. Ist dies besonders anspruchsvoll im Hinblick auf UI/UX? Wie sammelt ihr User Stories und Nutzer*innen-Feedback, wenn das Pendant ebenfalls ein Unternehmen ist?

Unsere Partner sind tatsächlich ebenfalls unsere Nutzer*innen, da sie unsere Plattform zum Management ihrer Kunden, Portfolios und Prozesse benutzen. Bevor wir größere Features entwickeln, organisieren wir Workshops mit ihnen, um ihre Arbeitsweisen kennenzulernen und zu verstehen, wie wir ihre Prozesse digital verbessern und unterstützen können. Zusätzlich gleichen wir unsere User-Flows und Wireframes mit ihnen ab, bevor wir das finale Design implementieren. Zur Optimierung unserer bereits bestehenden Features sind wir im regelmäßigen Kontakt mit unseren Partnern, um Feedback einzuholen. Auch um zu sehen, wie sie unsere Plattform nutzen und unsere Änderungen in ihre Prozesse integrieren.

Indem wir unsere datenbasierten Erkenntnisse mit dem qualitativen Feedback verbinden, erhalten wir ein sehr umfangreiches Bild.

Mara Dumitru, Senior Product Manager

Aufgrund unseres B2B2C-Ansatzes erhalten wir das Feedback der Nutzer*innen über unsere Partner. Dies besteht vor allem aus Daten, die uns sehr aufschlussreiche Einblicke in das Produkt und das Verhalten der Nutzer*innnen bieten. Unsere Partner pflegen sehr gute Beziehungen mit ihren Kunden und erhalten somit auch sehr direkt Feedback. Das geben unsere Partner an uns weiter. Indem wir unsere datenbasierten Erkenntnisse mit dem qualitativen Feedback verbinden, erhalten wir ein sehr umfangreiches Bild.

Zudem haben wir sehr gute Erfahrungen mit internen Tests gemacht. Wir überprüfen das Verständnis bestimmter Onboarding Schritte mit relevanten Nutzer*innen und analysieren die Interaktion mit Features. Diese Tests auf Verständlichkeit und Nutzerfreundlichkeit können von jedem durchgeführt werden, der nicht direkt mit dem Produkt arbeitet oder im Designprozess involviert war. Interaktionsdesign-Testing ist ebenso wertvoll mit Nutzer*innen unserer Zielgruppe sowie mit Nutzer*innen außerhalb dieser. In diesem Anwendungsfall wollen wir sicherstellen, dass unsere Angebote unmissverständlich und einfach zu bedienen sind.

 

Ergänzend dazu: Wie messt ihr den Erfolg der UI und UX Entwicklung und vorgenommener Änderungen?

Bezogen auf das Onboarding neuer Investoren auf unserer Plattform, können wir ihn an der Conversion Rate messen. Darüber hinaus analysieren wir die Zeit, welche die Investoren aufbringen um durch die einzelnen Schritte des Onboarding zu gehen. Unser Ziel ist es, diesen gesamten Prozess zu verkürzen und gleichzeitig alle relevanten Informationen klar und verständlich darzustellen, damit der Nutzer schnell und sicher zum Kunden werden kann. Währenddessen stellen wir – als ein BaFin lizensierter Portfoliomanager – natürlich zu jeder Zeit sicher, dass wir die regulatorischen Voraussetzungen erfüllen.

Zusätzlich zur datengetriebenen Analyse berücksichtigen wir qualitatives Feedback, was uns und unseren Partner hilft das „Warum“ hinter dem „Was“ zu verstehen. Mit diesen Insights können wir gemeinsam herausfinden, ob Nutzer*innen, die sich länger als die durchschnittliche Zeit auf einer bestimmten Seite aufhalten, an dem Inhalt interessiert sind, oder einfach verwirrt und orientierungslos sind. Ein wichtiger Unterschied!

Hinsichtlich der bereits gewonnenen Kund*innen lässt sich der Erfolg außerdem an der regelmäßigen Nutzung des Produktes und am Feedback, welches wir über unsere Partner erhalten, messen. Gleiches gilt für unsere Partner, die unsere Plattform nutzen und von denen wir direktes Feedback erhalten.

 

Wie auch viele andere Tech-Unternehmen arbeitet Elinvar in einer agilen Entwicklungsumgebung. In welcher Hinsicht ist dies herausfordernd für UI/UX Designer und was sind die Vorteile?

Was die Herausforderungen angeht ist es manchmal schwierig, mit den schnellen Entwicklungszyklen mitzuhalten. Gleichzeitig ist diese Geschwindigkeit aber auch ein enormer Vorteil, denn wir können kontinuierlich eingehendes Feedback ebenso regelmäßig in der Weiterentwicklung der Plattform berücksichtigen. Ebenso können wir kleine Verbesserungen schnell veröffentlichen, diese testen und ihre Performance analysieren, um daraufhin eine neue Iteration zu starten und wieder zu veröffentlichen. Von der Design-Thinking Perspektive ist das agile Framework optimal, da es uns schnelle, regelmäßige Feedback-Integration und stetige Optimierung erlaubt.

 

Welche Erfahrungen hast du vor Elinvar gesammelt und wie würdest du sie mit Elinvar vergleichen? Was sind deine wichtigsten Erkenntnisse?

Bevor ich zu Elinvar kam, habe ich in der Tourismus- und Online-Lebensmittelindustrie gearbeitet. Zugegebenermaßen, die Domänen sind sehr unterschiedlich, jedoch habe ich in allen Positionen das gleiche Ziel verfolgt: mittels digitaler Möglichkeiten ein Produkt zu schaffen, welches Menschen einen Mehrwert bringt. Was ich in all meinen bisherigen Positionen gelernt habe: Du musst die Nutzer*rinnen deines Produktes wirklich verstehen. Du weißt nie, was deine Nutzer*innen wollen oder brauchen, bis du dir die Zeit nimmst, sie zu verstehen. Du wirst sie nicht verstehen, bis du dich nicht in sie hereinversetzen kannst. Somit ist es absolut notwending herauszufinden, wie die Menschen Produkte offline nutzen und vor welchen Herausforderungen sie stehen.

Tests und Daten sind der Schlüssel dazu, Ideen zu validieren, und großartige Produkte sind das Ergebnis vieler Iterationen, sowohl vor als auch nach der Markteinführung.

Mara Dumitru, Senior Product Manager

Mit Blick auf die Entwicklung eines Produktes ist meine wichtigste Erfahrung, dass man sich von seinen initialen Ideen loslösen können und gewillt sein muss, auch mal einen anderen Ansatz auszuprobieren. Tests und Daten sind der Schlüssel dazu, Ideen zu validieren, und großartige Produkte sind das Ergebnis vieler Iterationen, sowohl vor als auch nach der Markteinführung.